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20.07.2021
Festival der
afrikanischen
Künste

Liebe Freund:innen der afrikanischen Künste,

heute melden wir uns direkt aus Ouagadougou, wo wir unser Partnerfestival Récréatrâles besuchen.

Flüchtlingstheater, Skulpturen aus Plastikmüll und zwischendurch ein Gläschen Rum: Unser Partnerfestival Récréâtrales in Ouagadougou präsentiert sich als Oase der Ruhe und Kreativität in einem von innerer Zerrissenheit geprägten Land. Das Festival zeigt aber auch, wie Kultur gesellschaftliche Debatten befördern und Veränderungen anstoßen könnte – gerade in Zeiten politischer Instabilität. Ein Reisebericht aus einem Land zwischen Staatsstreich und Hoffnung, Alltag und Bürgerkriegsangst.

Sie wälzen sich auf dem Boden, schreien ihren Schmerz in den rabenschwarzen Nachthimmel, es fließen Kunstblut und so manche echte Träne: Die Verzweiflung ist den 50 Frauen und Männern ins Gesicht, ja auf den Körper geschrieben, während ihrer knapp einstündigen Performance von Tu dis PDI. Die explosive Mischung aus Tanz, Theater und Gesang macht auf die verzweifelte Lage der ‚Personnes Deplacés Internes‘ aufmerksam. Gemeint sind damit die rund zwei Millionen Binnenflüchtende in Burkina Faso, die in den letzten Jahren vor der Gewalt lokaler Warlords und dschihadistischer Terrorist:innen aus ihrer Heimatregion fliehen mussten, um ihr Leben zu retten. Viele von ihnen haben sich in Internierungslager rund 100 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Ouagadougou geflüchtet. „Diese Menschen sind komplett traumatisiert“, sagt Aristide Tarnagda, Regisseur des Stücks und Leiter des Festivals Récréâtrales, im Gespräch mit africologne. „Wir wollten ihnen eine Möglichkeit geben, ihr Schicksal aufzuarbeiten und für uns alle sichtbar zu machen.“

Das Récréatrâles Festival

Die Performance, vorgetragen nicht nur von professionellen Schauspieler:innen, Sänger:innen oder Tänzer:innen, sondern von den Geflüchteten selbst, war Teil des Eröffnungsabends von Récréâtrales, einem der wichtigsten Tanz- und Theaterfestivals in Westafrika und von Beginn an auch Partner-Festival vom africologneFESTIVAL. „Faire Visage“ – „Gesicht zeigen“ heißt das Motto der Jubiläumsausgabe des biennalen Festivals, das in diesem Jahr 20-jähriges Bestehen feiert und gerade zum zwölften Mal stattfindet.

Grund genug für einige Mitglieder unseres Vereins afroTopia, sich zusammen mit der africologneFESTIVAL-Leitung um Gerhardt Haag, Kerstin Ortmeier und Sarah Youssef auf dem Partner-Festival in Ouagadougou umzusehen. Und sich auf der knapp zweiwöchigen Reise zwischen Ende Oktober und Anfang November auch einen Eindruck zu verschaffen, von der Situation vor Ort. Ein Land, das Ende September den zweiten Militärputsch allein in diesem Jahr erleben musste. Und deren neuer Präsident, der 34-jährige Ibrahim Traoré, nun gefragt ist, seinen 22 Millionen Mitbürger:innen, die im Schnitt nicht einmal 18 Jahre alt sind, eine neue Perspektive zu bieten.

Eine Mammutaufgabe, denn die Herausforderungen für Burkina Faso sind groß: Das Land zählt zu den ärmsten der Welt, drei von vier Menschen hier können weder schreiben noch lesen, die Inflation ist auf knapp 20 Prozent geklettert, die Landwirtschaft, für viele die Lebensgrundlage, leidet zunehmend unter den Folgen des Klimawandels, der Abbau von Bodenschätzen wie Gold liegt in der Hand ausländischer Konzerne, die Kolonialherrschaft der Franzosen, vor mehr als 60 Jahren beendet, prägt immer noch den sozialen Diskurs im Land.
Und der Arm der nationalen Regierung reicht kaum mehr über die Hauptstadt Ouagadougou hinaus: Von Reisen über Land raten nicht nur die Botschaften Deutschlands oder der EU ab. Weil sie die Sicherheit außerhalb der Hauptstadt kaum noch aus eigener Kraft gewährleisten kann, denkt die neue Regierung schon darüber nach, eine Miliz aus 15.000 Bürgern zu bilden und für den Kampf gegen den Terrorismus mit Waffen auszustatten, den zu führen Armee und Polizei längst aufgegeben haben.

Auf den ersten Blick scheint sich das Leben zumindest in der Hauptstadt trotz der angespannten politischen Lage zwar wieder normalisiert zu haben: Auf Streifzügen durch die Straßen und Märkte trifft man durchgängig auf freundliche, geschäftige Menschen, die einem in ihren Ständen und Läden alles für den täglichen Bedarf anbieten: von Putzmitteln und Papayas über handgeschnitzte Steinschleudern und Power Banks bis hin zu bunten Gewändern aus einheimischer Baumwolle. Menschen, die ihre Mittagspausen wie üblich an Straßenständen verbringen, dort Reis mit Rindfleisch und gebackenen Bananen essen und auf ihren Mopeds und in ihren in Europa ausgemusterten Autos durch Ouagadougous volle und staubige Straßen knattern.

http://recreatrales.org/

Land vor einer Zerreißprobe

Hinter den Kulissen aber scheint es zu rumoren: Spricht man mit einheimischen Künstler:innen, Politikexpert:innen aus Europa, scheint Burkina Faso vor einer Zerreißprobe zu stehen, die – nach Einschätzung vieler einheimischer wie internationaler Expert:innen – durchaus in einen Bürgerkrieg münden könnte. Selbst der amtierende Präsident gibt sich kaum mehr als drei Monate Zeit für ein erstes beruhigendes Signal an die einheimische Bevölkerung.

Kein Wunder also, dass Autor, Schauspieler, Regisseur und Dramaturg Etienne Minoungou, Gründer des Récréâtrales-Festivals und eine der profiliertesten Stimmen seiner Heimat Burkina Faso, die Gelegenheit nutzte, in seiner Eröffnungsrede nicht nur die neue Regierung an ihre enorme Verantwortung zu erinnern: „In einem Moment, in dem es alles in unserem Land umzubauen gilt, sollten wir auch alle dazu einladen, sich einzubringen. Zusammenzuleben bedeutet, alle Kräfte zu bündeln. Und jedes Leben gleich wertzuschätzen.“

Wie gut dieses Miteinander funktionieren kann, zeigt ein Gang über das Festivalgelände Récréâtrales wie unter einem Brennglas: Entlang einer etwa 500 Meter langen Lehmstraße hat sich hier für zwei Wochen ein ganz eigener Mikrokosmos gebildet, der wie eine Oase in einer aufgewühlten Stadt wirkt: Bürger:innen und Künstler:innen, Einheimische und Gäste aus aller Welt, Junge und Alte schlendern über ein Gelände, das voll ist mit Grillständen und Bierbuden, Skulpturen aus Plastikmüll, Autoblechen und ausrangierten LKW-Reifen, etwa von Sahab Koanda, einem Autodidakten, der schon 2017 zum africologneFESTIVAL eingeladen war. Kinder rennen von links nach rechts, Hühner, streunende Hunde und ausgemergelte Ziegen kreuzen den Weg der Besucher, es wird gelacht und gesungen, gegessen und getrunken. Die Bühnen öffnen sich in Höfen links und rechts der Straße, auf dem Programm stehen neben Theaterstücken auch Lesungen, Diskussionsrunden und Konzerte. „Die aktuellen Umstände machen es uns nicht leichter, ein Festival wie Récréâtrales vorzubereiten und zu finanzieren“, sagt Festivalleiter Aristide Tarnagda. „Aber wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, den Dialog zu befördern. Kultur und Kreativität können den Wandel zum Besseren stützen.“

Besuch in Schlingensiefs Operndorf

Wie konkret kulturelles Engagement auf die Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung einzahlt, zeigt auch ein Abstecher in den Nordosten Ouagadougous. Hier, 30 Kilometer vor den Toren der burkinischen Hauptstadt, hat der deutsche Künstler Christoph Schlingensief 2010 noch kurz vor seinem Tod den Bau seines so genannten Operndorfs angestoßen. Herausgekommen ist eine Mini-Siedlung, umgesetzt vom aktuellen Pritzker-Preisträger, dem deutsch-burkinischen Architekten Francis Kéré. Kern des Ortes ist neben einer Krankenstation eine zweizügige Vorzeige-Grundschule mit akribisch geplanten und mit besten Lehrmitteln ausgestatteten Klassenräumen. Und einem Lehrplan, der neben Lesen, Schreiben und Rechnen vor allem auf Kunstunterricht setzt.
Auch hier stoßen wir auf eine Skulptur des Künstlers Sahab Koanda, die er hier vor einigen Jahren zusammen mit den Schülern erarbeitet hat. „Das hat damals sehr viel Spaß gemacht“, erinnert sich der Autodidakt, der am liebsten LKW-Schrott in Kunst verwandelt. „Kinder sind sehr kreativ, sie haben Energie und tolle Ideen, von ihnen können wir viel lernen.“

Oder, wie es Etienne Mindungou formuliert: „Die Kunst im Allgemeinen und das Theater im Speziellen zeigen uns, dass das Leben mehr für uns bereithält als nur schlafen, jagen, essen. Die Kraft des Geschichtenerzählens ist, was uns zusammenhält. Und uns Hoffnung auf eine bessere, gemeinsame Zukunft gibt.“

Und zum guten Schluss noch ein Hörtipp:

Am Sonntag 13.11. um 17.05 ist africologne - Gründer und Ko-Direktor Gerhardt Haag im Deutschlandfunk zu Gast. In der Reihe 'Kulturfragen' spricht er mit der Journalistin Dorothea Marcus über die Rolle und die enorme Vielfalt des kulturellen Lebens in Burkina Faso. Und natürlich auch über die aktuelle politische Lage in dem westafrikanischen Land, das am 30. September einen zweiten Militärputsch in diesem Jahr erlebt hat. Gerhardt Haag kommt wenige Tage vorher vom Besuch des Récréâtrales-Festivals in Ouagadougou zurück, wo er viele Gespräche führen konnte und sich auch persönliche Eindrücke von der Situation im Land verschaffen konnte. Also: Unbedingt einschalten!
 

Mit den besten Grüßen aus Burkina Faso
 

Ihr Team von africolgneFESTIVAL/afroTopia e.V.
 


Absender:
www.africologne-festival.de
Trägerverein: afroTopia e.V. Holbeinstr. 38,D - 50733 Köln

Tel: +49 (0)221 77 94 87


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