BENIN


Szenische Lesung in deutscher Übersetzung


Alte Feuerwache


26.06.2019  18:30 Uhr  TICKETS


Preise: VVK + AK 10 € / 7 € (erm.)


Dauer: ca. 1 h


DIE AUF LEBENSZEIT GEWÄHLTEN | LES INAMOVIBLES

von Sèdjro Giovanni Houansou

Abschied von der Familie, Scheitern der Überfahrt, Scheitern an Grenzkontrollen, Scheitern im Ankunftsland. Die Rückkehr ebenfalls verriegelt. Der Druck auf den Migranten, im Ausland um jeden Preis erfolgreich zu sein, macht eine erfolglose Rückkehr in die Herkunftsgesellschaft zur persönlichen Schmach und zum finanziellen Desaster. 

 

2018 erhielt der beninische Autor Sèdjro Giovanni Houansou den Prix RFI für das beste in diesem Jahr eingereichte Theaterstück. Les Inamovibles setzt sich mit der Frage der Migration auch aus der Perspektive der Rückkehr auseinander. Das Stück behandelt in der ersten Hälfte das Leben zweier junger Männer, Malick und Lamine, in der zweiten Hälfte warten zwei bejahrte Eltern, Amadou, der Vater Malicks, und Mariame, die Mutter Lamines, auf die Rückkehr ihrer Söhne. Während der erste Teil im Diesseits spielt, spielt der zweite in einem nicht-christlich konnotierten Jenseits. Vielmehr entspricht es einer säkularisierten Form des animistischen Zugangs zu den Ahnen nach dem Tod, ein Übergang, der nicht für jeden Toten gewährt wird und von der Form des Todes abhängt.

 

Indem Houansou für das Scheitern, die Rückkehr, das Warten eigene Bilder findet, schafft er einen eigenständigen theatralen Kosmos, der dafür sorgt, dass Migration nicht nur aus ökonomischer, politischer oder soziologischer Perspektive betrachtet wird. Die Verschiebung des Konflikts in das „Nothing’s land“ mit seinen Konnotationen von Becketts Endspiel (ein Endspiel ohne Ende, ein Dauerzustand des Wartens, auf Lebenszeit) wirft die Frage der Zwangsläufigkeit auf. Wenn die Grenze der Wanderung nicht ein Ziel ist, sondern die innere Leere; wenn Rückkehr stattfindet, aber nicht zu den Wartenden; wenn Warten zur einzigen Tätigkeit wird; wenn Tod und Leben in eins fallen, sagen die Jugendlichen, dann gibt es, wie bei Beckett, keinen dramatischen Handlungsbogen mehr. Gegenüber dieser Leere als Grenze steht das Groteske eines zynischen Türstehers Europas, – eine neue Figuration des Fährmannes. Das „Nothing’s land“ hat nicht nur einen Grenzposten, es unterhält die Wartenden auch per Radio.

 

Houansou greift dehumanisierende Anti-Migrationsdiskurse genauso auf wie groteske Medienkritik und Formen von Hoffnungslosigkeit. Seine Figuren lässt er die Weltordnung hinterfragen und wendet sich von einem dem Realismus verpflichteten Fluchtnarrativ ab, indem er auch unspektakulären psychologischen Motivationen und Geschichten, die zur Migration führen, Raum gibt. So regt er an zur Diskussion über politische und ökonomische Bedingungen, die es gemeinsam zu verändern gilt. Die Unterscheidung zwischen Fluchtgründen wie Krieg und Verfolgung einerseits und wirtschaftlichen Gründen andererseits als Kriterien für Asyl werden damit in Frage gestellt. 

 

Szenische Einrichtung Rüdiger Pape 

 

Mit Azizè Flittner, Eva Horstmann, Dagmar Operskalski und Aurélie Thépaut.